WAS IST VERTRAUEN?

Über die Bedeutung von Vertrauen für die Beziehung zwischen Personen und Organisationen existiert eine umfassende wissenschaftliche Literatur, sowohl auf dem Gebiet der Persönlichkeitspsychologie, der Organisationspsychologie und der Soziologie, als auch auf dem der Wirtschaftswissenschaften und hier insbesondere der ökonomischen Theorie. Einen guten Überblick darüber liefern unter anderen D. U. Gilbert (1), T. Brandenburg (2) und P. Eberl (3).


Der Transfer der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die unternehmerische Praxis hat jedoch bisher nur in Anfängen stattgefunden, unserer Ansicht nach weil die für die praktische Anwendung erforderlichen methodischen Ansätze in deutschen Unternehmen noch wenig bekannt geworden sind (im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern und Frankreich, wo Literatur über „Tools“ der Vertrauensbildung weiter verbreitet ist (4)).


In der Vertrauensforschung wird zwischen personalem Vertrauen, d.h. dem Vertrauen in der Beziehung von Individuen, und Systemvertrauen, d.h. dem Vertrauen in ein soziales System, in eine Organisation als Ganzes, differenziert.


In der sozioökonomischen Vertrauensforschung werden die Phänomene Vertrautheit, Zutrauen und Zuversicht in ihrer Beziehung zu Vertrauen einbezogen (5)(6).

Danach schafft Vertrautheit Vertrauen, indem sie die Erwartung erzeugt, dass sich das vertraute Gewesene in die Zukunft fortsetzt. Das kann auf der personalen Ebene durch die Erfahrung von Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit und Authentizität einer Person geschehen, auf der Systemebene durch die Erfahrung der Funktionsweise eines sozialen Systems. Systemvertrautheit schafft Systemvertrauen, indem sie die Erwartung erzeugt, dass sich ein soziales System (eine organisierte Gruppe von Personen) auch in Zukunft nach vertraut gewordenen Regeln und Werten verhalten wird.


Zutrauen entsteht, wenn man einer Person oder einer Gruppe von Personen die Kompetenz zur Erbringung bestimmter Leistungen beimisst. Zutrauen ist eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für Vertrauen, denn Vertrauen erfordert auch Annahmen über die Handlungsmotivation der anderen Person oder Gruppe von Personen (7).


Während der Vertrauende sich der Unsicherheit und des Risikos einer Enttäuschung oder eines Verlusts bewusst ist, aber das Risiko als akzeptabel hinnimmt, ist Zuversicht eine Haltung, die das Risiko ausblendet und Hoffnung ins Spiel bringt. Im Extrem wird Zuversicht zu blindem Vertrauen.


Ein engeres Verständnis in der (institutionsökonomischen) Vertrauensforschung sieht Vertrauen als Erwartung an, dass die andere Seite motiviert werden kann, auf entgegengebrachtes Vertrauen nicht opportunistisch zu ihrem einseitigen Vorteil zu reagieren. Dieses kalkulierende Vertrauen zielt darauf ab, auf Sicherungsmaßnahmen verzichten und die Transaktionskosten senken zu können (8).


Die dem Systemvertrauen unterliegenden Annahmen über wechselseitige Verpflichtungen zwischen den Organisationsmitgliedern und der Organisation werden als psychologischer oder unsichtbarer Vertrag bezeichnet (9)(10).


Zwischen personalem Vertrauen und Systemvertrauen besteht eine enge Wechselbeziehung. Denn für die Einhaltung des psychologischen Vertrags werden die Führungskräfte eines Unternehmens verantwortlich gemacht. Ihre personale Vertrauenswürdigkeit konditioniert das Vertrauensniveau im Unternehmen und damit das Systemvertrauen.


Diese Wechselbeziehung und die Verhaltens- und Handlungsweisen der Führungskräfte konditionieren das Vertrauensklima im Unternehmen.

(1) Gilbert, D. U. (2007), Vertrauen als Gegenstand der ökonomischen Theorie – Ausgewählte theoretische Perspektiven, empirische Einsichten und neue Erkenntnisse, Zeitschrift für Management ZfM, 1


(2) Brandenburg, T. (2005), Vertrauen in Veränderungsprozessen, in: Brandenburg, T., Thielsch, M. T., Praxis der Wirtschaftspsychologie, MV Wissenschaft, Münster

 

(3) Eberl, P. (2003), Vertrauen und Management, Stuttgart

 

(4) Fallou, J. L., Sérieyx, H. (2010), La Confiance en Pratique – Des Outils pour agir, Editions Maxima, Paris

 

(5) Luhmann, N. (2001), Vertrautheit, Zuversicht, Vertrauen. Probleme und Alternativen, in: Hartmann, M., Offe, C. (Hrsg.), Vertrauen. Die Grundlage des sozialen Zusammenhalts, Frankfurt a. M.

 

(6) Giddens, A. (1999), Konsequenzen der Moderne, 3. Aufl., Frankfurt a. M.

 

(7) Schäffer, U. (2001), Kontrolle als Lernprozess, Wiesbaden

 

(8) Williamson, O. E. (1993), Calculativeness, Trust, and Economic Organization, Journal of Law and Economics, Jg. 36

 

(9) Rousseau, D. M. (1995), Psychological Contracts in Organizations: Understanding written an unwritten Agreements, Thousand Oaks

 

(10) Robinson, S. L. (1996), Trust and breach of the psychological contract, Administrative Science Quarterly