„KONTROLLE IST ÜBERHAUPT NICHT BESSER!"

Interview mit Prof. Dr.-Ing. Tom Sommerlatte

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!" lautet eine Volksweisheit. Warum bemühen Sie sich um mehr Vertrauen und nicht um bessere Kontrolle?

 

Dass Kontrolle wirklich besser ist, möchte ich bezweifeln. Dieser Satz, der angeblich von Lenin stammt, ist eben schon fast hundert Jahre alt. Wir erleben heute, wie Kontrolle immer schwieriger und teurer wird, denn die Welt ist wesentlich komplexer als vor hundert Jahren.

Zugleich erleben wir schmerzlich, wie schwindendes Vertrauen auf die Arbeitskraft des Einzelnen und auf Organisationen wirkt. Und dazu muss man noch nicht einmal die gängigen Beispiele aus der Politik bemühen.

Es gibt heute sehr viele Kontrollmechanismen, überall - aber über die Quelle der Probleme, nämlich mangelndes Vertrauen, wird unserer Ansicht nach zu wenig nachgedacht. Das Bedauern ist oft groß, wenn man das Misstrauen spürt. Aber es bleibt dann einfach beim Schulternzucken. Kontrolle ist eine Technik, Vertrauen eine menschliche Qualität. Und es gibt auch einen Kostenaspekt: Wo Vertrauen fehlt, muss man für die Kontrolle oft sehr viel Aufwand betreiben. Das heißt: eine Kultur des Vertrauens kommt uns alle einfach billiger als eine Kultur der Kontrolle.

 

 

Vertrauens-Management – das klingt fast schon paradox. Wie kann man so etwas wie Vertrauen messen und steuern?

 

Tatsächlich ist das möglich. Jedenfalls in einem gewissen Rahmen. Vor allem im wirtschaftlichen Bereich, in Unternehmen, kann man feststellen, in wie weit ein Defizit an Vertrauen vorliegt und welchen Schaden das anrichtet.

Namhafte Wissenschaftler beschäftigen sich seit einem Jahrzehnt mit dieser Frage. Wir wollen mit dem TMI helfen, diese Forschungsergebnisse in die Wirtschaft zu transferieren und weitere Forschung über die Wechselbeziehung zwischen Führung und Vertrauen unterstützen.

 

 

Warum braucht man dazu denn ein neues Institut? Ist Vertrauen nicht eine ganz persönliche Sache für jeden einzelnen?

 

Die Erforschung des Vertrauensklimas in unserer Gesellschaft ist eine wichtige und gesellschaftlich hoch relevante Sache. Das Trust-Management-Institut ermöglicht die Teilnahme von Unternehmen durch Sponsoring und praktische Eigenbeiträge.

 

 

Wie finanzieren Sie das?

 

Wir finanzieren unsere Forschung und Transferleistung durch Mitgliedsbeiträge, Veröffentlichungen, Symposien, Interventionen und Sponsorengelder. 

 

 

Ist der Nutzen für die Unternehmen denn so direkt nachweisbar, dass sie Geld dafür bezahlen?

 

In der Tat. Die Vertrauensforschung zeigt, dass eine Verbesserung des Vertrauens zwischen Führungskräften und Mitarbeitern spürbare und messbare Vorteile bringt.

 

 

Das TMI ist als europäische Initiative ausgelegt. Was bringt das? Sind die Unternehmenskulturen in den europäischen Ländern nicht grundverschieden?

 

Was das Problem des Vetrauensschwunds betrifft, sind die Phänomene fast überall die gleichen. Wir finden auch, dass eine große Chance für die europäische Völkergemeinschaft darin besteht, Fragen von solcher grundlegenden Wichtigkeit und Tragweite kulturübergreifend anzugehen.

Das TMI will dabei durchaus nicht alle Kulturen über einen Kamm scheren. Durch die sorgfältige wissenschaftliche Bearbeitung und Erforschung gehen wir gerade auch den individuellen Problemen auf den Grund. Symptom-Bekämpfung ist nicht unser Ziel. Die Ursachen für den Verlust des wichtigen ethischen Wertes, den das Vertrauen in Menschen und Organisationen darstellt, sind sehr vielschichtig.

Das TMI hat gerade durch sein europäisches Netzwerk von Forschern und Beratern die besten Voraussetzungen, um in den einzelnen Ländern das Vertrauensproblem individuell zu bearbeiten.

 

 

Wird Ihre Initiative von der Wirtschaft angenommen?

 

Es wird nicht immer laut ausgesprochen, aber das Interesse der Unternehmen ist sehr groß! Mit dem Thema Vertrauensklima bzw. Vertrauensschwund im Unternehmen rennen wir heute offene Türen ein. Wir haben schon eine Reihe von großen Unternehmen und Organisationen für unseren Ansatz gewonnen und sind dabei, weitere Sponsoren zu akquirieren.

 

(Die Fragen stellte Hans-Werner Klein)