Systemische Risiken und Systemvertrauen als zentrale Kategorien des Trust-Managements

Prof. Dr. Helmut Willke

Die Figur des systemischen Risikos – und ihre praktische Relevanz – geben einen ebenso konkreten wie drängenden Anlass, das Verhältnis von Demokratie und Unternehmertum unter den Aspekten Kompatibilität und Kompossibilität genauer unter die Lupe zu nehmen.

 

Deutlich ist, dass sich die Operationslogiken beider Steuerungsformen fundamental unterscheiden: Demokratie setzt auf Gleichheit, der Markt auf Differenz. Aus diesem Antagonismus entwickelt sich historisch ein breites Spektrum möglicher Kompatibilitäten, die als „varieties of democracy“ und „varieties of capitalism“ nur im Idealfall eines sozial verantwortlichen Kapitalismus zueinander finden.

 

Immer wieder wird die Suche nach Kompossibilität von ideologisch verbohrten oder gar fundamentalistischen Strömungen verdrängt, die entgegen einer möglichen Kombination auf einseitige Dominanz nur einer der beiden Steuerungsformen setzen: auf einen durchdringenden Wohlfahrtsstaat einerseits, einen rücksichtslosen Marktfundamentalismus andererseits.

 

Die Dynamik des Kapitalismus resultiert daraus, dass er die Risikobereitschaft ökonomischer Akteure verlangt und belohnt. Insbesondere Josef Schumpeter hat den Unternehmer als Held des Kapitalismus gefeiert und die aus der kapitalistischen Dynamik folgende „kreative Zerstörung“ auf der Ebene von Produkten und Firmen als Voraussetzung für Wachstum und Innovation gesehen. Die berühmten ersten Sätze des Prologs lauten: „Kann der Kapitalismus überleben? Nein. Ich glaube nicht, dass er es kann“ (Schumpeter 1975: 139).

 

Im Kern hat damit Schumpeter das zentrale Dilemma eines dynamischen Unternehmertums beschrieben: Die notwendige Aktivierung individueller und unternehmerischer Risikobereitschaft einerseits und andererseits die unvermeidliche Emergenz eines systemischen Risikos als kumulativem und nicht-intendiertem Effekt von Myriaden von riskanten individuellen ökonomischen Handlungen. Betrachtet man systemische Risiken als relevantes Problem, dann wird es umso dringlicher, Methoden und Modelle der Analyse und des Umgangs mit systemischen Risiken zu verbessern. Politik- und Gesellschaftswissenschaften können diese Aufgabe nicht den Finanzwissenschaftlern und –praktikern überlassen. Mit Blick auf die globale Finanzkrise formuliert Peter Miller: “To understand the nature of this crisis, we must start from the presupposition that it is systemic, and that those most centrally embedded in the financial system and financial markets are least equipped to grasp and analyse it adequately” (Miller 2008: 6). Tatsächlich ist das Problem systemischer Risiken primär ein Thema der Politischen Ökonomie und zunehmend ein solches der Governance-Theorien, insbesondere heute der Disziplin Global Governance.

 

Systemische Risiken entstehen nicht kontextfrei, sondern als gesellschaftlich eingebettete Phänomene vor allem als Folge des Versagens der Institutionen politischer Steuerung. Ist dies schon auf nationalstaatlicher Ebene für das Verhältnis von Kapitalismus und Politik konstitutiv, weil die Politik die Vorbedingungen der Möglichkeit einer kapitalistischen Marktwirtschaft schafft, so gilt dies in gesteigertem und problematischem Maße für die globale Ebene. Da es inzwischen zwar laterale Weltsysteme für alle Bereiche funktional ausdifferenzierter Gesellschaft gibt, aber eben keine globale Politik (im Sinne von: Weltregierung, globale Parteien, Weltparlament etc.), kommt es zu einer folgenschweren Diskrepanz zwischen der Eigendynamik lateraler Weltsysteme – etwa Weltwirtschaft oder globales Finanzsystem – und den nur in rudimentären Ansätzen existierenden Möglichkeiten politischer Steuerung: “because, during the period of economic exuberance, a gap had opened up between the economic and the political organization of the world” (Kissinger 2009: 6). Genau aus diesem Grunde bedrohen unter Bedingungen forcierter Globalisierung systemische Risiken nicht nur das Innenleben individueller Akteure, Firmen, Organisationen oder einzelner Institutionen. Vielmehr führen sie ab einem gewissen Schwellenwert der „Systemrelevanz“ zu Krisen des Systems, d.h. konkret zu einer Krise der Verknüpfung von politischer Demokratie und globalem Kapitalismus.

 

Sobald die Krise eines Finanzinstituts (Beispiele AIG, Lehmann Brothers oder Hypo Real Estate), eines Investmentfonds (Beispiele Long Term Management Fund) oder einer großen Firma (Beispiel GM, Opel) plausibel als „systemrelevant“ behauptet oder erwartet wird, ist die Politik in ihrer Eigenlogik gezwungen zu handeln. Sie wird in ihrer Eigenlogik durch die ungesteuerte Dynamik eines Funktionssystems erpressbar. Sie muss in ihrem eigenen Interesse – Verlust von Wählerzuspruch und –stimmen – und in ihrer eigenen Funktion – Schutz des Kollektivgutes „funktionierende Ökonomie“ oder „funktionierende Kreditversorgung“ – versuchen, eine Systemkrise abzuwenden, auch wenn dies erhebliche Nebenwirkungen hat.

 

Das Horrorszenario der Weltwirtschaftskrise von 1929 liefert bis heute den Hintergrund für eine eher ängstliche und staatsgläubige Politik, die sich nicht vorwerfen lassen will, durch Nicht-Handeln die Krise verstärkt oder gar erst akut gemacht zu haben. Fest steht, dass die Fähigkeit demokratischer Politik zum professionellen Krisenmanagement wenig ausgeprägt ist, und dass die Krise selbst ein schlechter Lehrmeister ist. Nötig wäre es daher, bereits vor der (nächsten) Krise die Lehren aus der kommenden Krise zu ziehen und Regulierungsinstanzen so zu gestalten, dass sie in der Lage sind, mit der Möglichkeit, der Genese und dem Management systemischer Risiken adäquat umzugehen.

 

Systemische Risiken sind emergente Eigenschaften eines komplexen Systems. Sie entstehen aus dem ungesteuerten – und in sozialen Systemen: unbegriffenen – Zusammenspiel vieler vernetzter Komponenten eines rekursiv operierenden Zusammenhangs. Gesteigert wird die Dynamik des Zusammenspiels durch verschiedene Ebenen (Mehr-Ebenen-System) und durch unterschiedliche Hebelwirkungen („leverage“). Emergenz bezeichnet im Rahmen eines systemtheoretischen Paradigmas den Übergang von einer Systemebene zu einer nächsten Ebene organisierter Komplexität. Eine ‚nächste’ Ebene meint eine qualitativ erweiterte Form organisierter Komplexität, die Eigenschaften aufweist, welche nicht aus den Eigenschaften der Elemente oder Komponenten zu erklären ist, aus welcher sich die neue Form bildet. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sich aus Myriaden von Molekülen eine lebende Zelle bildet oder aus einem Einzeller ein komplexer Organismus, wenn sich Bewusstsein auf der Basis von Organismen entwickelt oder wenn sich soziale Systeme auf der Basis von Kommunikationen aufbauen.

 

Systemische Risiken sind in diesem Sinne Folgen der Nichtsteuerbarkeit komplexer sozialer Systeme. In der Systemtheorie wird dies seit langem unter dem Titel der „Unwahrscheinlichkeit gelingender Intervention“ verhandelt (Willke 2001) und in komplementären Ansätzen als „the radical unpredictability arising in that {the complex adaptive} system’s dynamic“ (Stacey 2000: 373). Allerdings führt nicht jeder Steuerungsmangel zu einer systemischen Krise. Erst wenn die Architekturprinzipien eines Systems – etwa Differenzierungsmodi oder Formen der Kopplung – seiner Eigenkomplexität deutlich widersprechen, nimmt das Risiko von „normal accidents“ dramatisch zu.

 

Genau an diesem Punkt setzt die Notwendigkeit eines neuen Verständnisses von Systemvertrauen ein. Eine entscheidende Frage wird sein, wie über bloß personal verankertes Vertrauen hinaus in einer zunehmend globalisierten Welt Systemvertrauen möglich ist und resilient gemacht werden kann.

 

Literatur:

• Kissinger, Henry (2009): „The chance for a new world order“, in: Herald Tribune Tuesday, January 13, 2009: 6.

• Miller, Peter (2008), When markets and models fail, Risk and Regulation, December 2008; 6-7

• Perrow, Charles (1984): Normal accidents: Living with high-risk technologies, New York: Basic Books.

• Schumpeter, Joseph (1975): Capitalism, socialism and democracy. With a new introduction by Tom Bottomore, New York u.a.: Harper & Row.

• Stacey, Ralph (2000): Strategic Management and Organisational Dynamics: The Challenge of Complexity to Ways of Thinking About Organisations. 3rd Edition Harlow: Prentice Hall.

• Willke, Helmut (2001): Systemtheorie III: Steuerungstheorie. 3. Auflage, Stuttgart: Lucius & Lucius (UTB).